Prof. em. Dr. rer. nat. Heinz Jungnickel ist verstorben

18. Juli 2006

Sein Lebensweg verlief durch fünf verschiedene gesellschaftliche Systeme in Deutschland. Er ist, stets weltoffen, sehr vielseitig interessiert und reiselustig, doch in der engeren Heimat tief verwurzelt gewesen und ihr treu geblieben. Nach dem Abitur in der Landesschule Dresden-Klotzsche studierte er Physik, musste den Militärdienst antreten und promovierte 1944 an der TH Dresden. Nach dem 2. Weltkrieg kam Heinz Jungnickel durch äußere Zwänge und Zufall zum Gebiet der tiefen Temperaturen, zuerst zur Luftzerlegung und Sauerstoffgewinnung. Er gründete im Osterzgebirge einen eigenen Betrieb. Dieser konnte sich unter den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der DDR nicht richtig entfalten. So war der Schritt in die staatliche gelenkte Industrie eine notwendige Folge, um wirklich etwas zu bewegen. In der Zeit begann auch seine Lehrtätigkeit. Er begeisterte zahlreiche Studenten für unseren Fachzweig und gab wertvolle Impulse. Die Basis bildeten die von seinen profunden mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen getragenen Analysen und grundsätzlichen Herangehensweisen, die er überzeugend und anschaulich zu vermitteln verstand. Heinz Jungnickel hat in leitenden Positionen maßgebliche Ideen und Entwicklungen mit großem Erfolg umgesetzt. Eine bedeutende Etappe, folgend auf mehreren neuen Lufttrennanlagen, war die Errichtung der ersten Argonerzeugung 1958 in Leuna, wofür er den Nationalpreis für Wissenschaft und Technik erhielt. 1959 wurde er Direktor des Instituts für Chemie- und Kälteausrüstungen, später dann des Instituts für Chemieanlagen, einer industriellen Leiteinrichtung für Forschung, Entwicklung Projektierung und Konstruktion. Damit wurde z.B. ein Grundstein für die heutige Firma Linde-KCA gelegt. Bedingt durch das gleichzeitige Wirken an der Technischen Universität Dresden ist Professor Junngnickel zu der zentralen Persönlichkeit auf dem Fachgebiet Kältetechnik im Osten Deutschlands geworden. Nach der Professur im Nebenamt wurde er vier Jahre später auf den Lehrstuhl für Kältetechnik berufen, den er bis 1980 geleitet hat. Er fühlte sich den großen Traditionen von Gustav Zeuner und Richard Mollier verbunden. Die exzellente Qualität der Ausbildung in umfassender Breite und Tiefe war überall anerkannt und wird heute immer noch lobend erwähnt. Ein lediglich zahlenmäßiger Ausdruck sind die rund 270 Diplomanden und die 36 Doktoranden. Der gesamte Kreis seiner Schüler ist, zusätzlich bedingt durch diverse Arbeitsgruppen in der Praxis, natürlich größer. Von 1968 bis 1972 fungierte Prof. Jungnickel als Direktor der im Zuge einer insbesondere hochschulpolitisch geprägten Reform neu entstandenen Sektion Energieumwandlung. Er hat sie auf der einen Seite wesentlich mitgestaltet, kam jedoch andererseits infolge seiner menschlich integeren Haltung zunehmend in Konflikte. Derart leitende Ämter, ähnliches betraf übrigens das Industrieinstitut bereits 1964, durfte er nicht mehr weiter ausüben. Ungebrochen positiv blieb das stets angenehme Arbeitsklima am Lehrstuhl bei einem Chef, von dem viele Anregungen, Ratschläge und Unterstützungen ausgingen, weit über die beruflichen Belange hinaus. Weitere bleibende Verdienste hat sich Prof. Jungnickel beim Zusammenschluss in der Kältetechnik und angrenzenden Disziplinen sowie bei deren wissenschaftlich-technischem Austausch erworben. Er war von 1956 bis 1980 Vorsitzender des Fachausschuss Kältetechnik der KDT. Letztere ist zu DDR-Zeiten ein Äquivalent des verbotenen VDI gewesen (und der DKV existierte ja bekanntlich auch nicht mehr ). Insgesamt 13 Fachtagungen wurden unter seiner wissenschaftlichen Leitung veranstaltet, ungeachtet mancher Schwierigkeiten meistens mit „gesamtdeutscher“ und internationaler Beteiligung. Die Besuche von Rudolf Plank, beide waren gut miteinander bekannt, ragten dabei sicherlich heraus. Intensive Kontakte wurden vor allem mit Prof. Dvorak aus Prag und Prof. Brodjanski aus Moskau gepflegt. Von 1979 bis 1983 bekleidete er die Funktion des Vizepräsidenten der Kommission A 3 im Internationalen Kälteinstitut (IIR). Nach der Wiedervereinigung wurde Prof. Jungnickel von Seiten der TU Dresden nochmals gerufen, um bei der wichtigen Phase des Neuanfangs und der Umgestaltung mit seinem reichen Erfahrungsschatz sowie dank seiner Integrität zu helfen. Er hat sich dieser Aufgabe mit viel Engagement gewidmet. Der Deutsche Kälte- und Klimatechnische Verein, dem wir uns nun wieder anschließen konnten, zeichnete ihn gleich 1990 mit der Ehrenmitgliedschaft aus. Im Juli 1998 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Der Zeitschrift Luft- und Kältetechnik war er über viele Jahre eng verbunden und gehörte dem Redaktionsbeirat an. Er hat ganz generell, so lange ihm dies möglich war, die Entwicklungen in der Kältetechnik und anderswo mit Interesse und innerer Teilnahme verfolgt. Wir trauern in Dankbarkeit um einen herausragenden Wissenschaftler und Hochschullehrer, einen erfolgreichen, weitsichtigen Ingenieur sowie gleichermaßen um den fürsorglichen, der Gerechtigkeit in hohem Maße verpflichteten Menschen. Wir werden Herrn Professor Heinz Jungnickel in dieser Weise in Erinnerung behalten und ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.